1 Dieter Ronte, Ein Gespräch
mit A. F. - Das Engagement, in:
Adolf Frohner, 1980, S. 164

2 Adolf Frohner - Peter Gorsen, Körperrituale, 1975, S. 23

3 vgl. D. Ronte, Adolf Frohner,
1980, S. 38





Brief an die Sonntagslosen, 1999
Öl auf Leinwand
200 x 170 cm


Das Körperthema, in Form von expressiv gestalteten Figuren, die oftmals mit Deformierungen und in übertriebenen Posen dargestellt sind, zieht sich durch Adolf Frohners Spätwerk. In den zumeist großformatigen Werken, verschmelzen die im Bildformat zentral eingesetzten Personen mit dem Hintergrund, teils aus bewegungstechnischen, teils aus formalen Gründen zu einer undurchdringlichen Einheit. Die Wurzeln für die Darstellung des menschlichen Körpers liegen in Frohners frühen, ungegenständlichen, aktionistischen Arbeiten: beim Versuch, die weichen Formen, Knäuel und Büschel der plastischen Matratzenbilder aus den frühen 1960er Jahren zeichnerisch umzusetzen, entstanden Körperfragmente, die für seinen künstlerischen Werdegang von großer Bedeutung wurden.
Frohner kam also von der Abstraktion zur Figuration: „Ich habe bewußt gesagt, jetzt werde ich figurativ. Ich habe das Prä der Präfiguration weggelassen. Ich kam zur Figuration; das war 1964/65. Ich habe in dieser Zeit ganz bewußt entschieden, vielleicht noch ungeschickt am Anfang, noch versucht, vom Naiven, vielleicht von der Bildnerei der Geisteskranken beeinflußt, mich dem Figurativen zu nähern: In einer ganz anderen Form, als ich es vor meiner aktionistischen Zeit getan habe, damals noch in einer Kopie der kubistischen Manier. Der Sprung, den ich dann über die Materialplastik getan habe, war der vielleicht erste persönliche Schritt in die figurative Malerei, die ich seither nicht mehr verlassen habe.“
1 - so Adolf Frohner. Ausgehend von seinen Reflexionen über Adalbert Stifter, jenen großformatigen Zeichnungen, in denen Frohner die Figuren in skizzenhaften Schraffuren darstellt, findet der Künstler sowohl zu seiner zeichnerischen Darstellungsweise sowie zu dem Motiv, die sein weiteres Schaffen prägten. Frohner läßt sich nicht auf eine Technik festlegen, ist immer bereit, artfremde Materialien mit seiner Malerei zu kombinieren - er stößt damit auf neue Ausdrucksmöglichkeiten, die er bei der Verwirklichung neuer Ideen einsetzt. Sogenannte Eyecatcher aus der Werbung, wie z. B. die grellrot geschminkten Lippen, die er ins Bild collagiert, zeigen ein strahlendes und zugleich provozierendes Lächeln, mit dem Frohner in Brief an die Sonntagslosen und Schamhaftigkeit oder Schamlose auf gängige Klischees, wie sie von Schönheitsidolen propagiert werden, verweist. Über die Vermittlung sozial anerkannter Blicke, Gesten und Handlungen, die von der Werbung dem Warenbild, assoziiert werden schreibt Gorsen in Körperrituale: „In jedem Fall wird ein fingiertes Lustangebot gemacht, wenn möglicherweise auch mit unterschiedlicher symbolischer Chiffrierung. Die Fellatio des Porno-Magazins wird in der ihren Reiz verwendenden Reklame der Getränkeindustrie symbolisch versteckt. Die Visualisierung von Bein- und Brustfetischen kann hingegen unverhüllt und ohne symbolische Brechung ihrer realen Erscheinung gegeben werden.“2 In Schamhaftigkeit oder Schamlose setzt Adolf Frohner dieses Stilmittel gezielt bei der in der linken Bildhälfte dargestellen, nackten Figur ein - der perfekte Mund findet seinen Kontrapunkt in dem deformierten Körper, der sich vielmehr häßlich als schön bezeichnen läßt - zwei Begriffe, die im gesamten Œuvre des Künstlers omnipräsent sind - und entlarvt, wie schon in den Frauendarstellungen der 1970er Jahre ein chauvinistisches, männliches Weltbild. Er wagt sich damit in Grenzbereiche unserer heilen Welt vor, die er hemmungslos enttabuisiert.3

Gabriela Fritz


GALERIE EDITION AUKTION CONTEMPORARY